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Christian Jungen, Artistic Director des ZFF: „Ein Filmfestival ist auch Spektakel“

Mit Blick auf das 20. Jubiläum des Zurich Film Festival ZFF im Herbst sprach SPOT mit Artistic Director Christian Jungen. Was für diese besondere Ausgabe geplant ist, was neu wird und wie er noch mehr Nähe zu den Stars gewährleisten will, erzählt er hier.

Christian Jungen ist seit 2020 Artistic Director des ZFF (Credit: Courtney Forbes for ZFF)

Eine Weile ist es noch hin, bis das nächste Zurich Film Festival am 3. Oktober startet. Aber weil es sich um das 20. Jubiläum handelt, gibt es bestimmt schon jetzt Dinge, die zu berichten sind. Was wird neu, woran arbeiten Sie gerade?

Christian Jungen: Wir wollen das beste Programm in der Geschichte des ZFF anbieten und setzen noch mehr als bisher auf eine Premium-Erfahrung. Premium in der Bewirtung der Filmschaffenden durch unser Gästemanagement und Premium bei der Qualität der Filme. Die Hürde, mit einem Film ins Programm zu kommen, wird hochgesetzt. Wir werden die Anzahl der Filme bewusst reduzieren. Letztes Jahr wurden 151 Filme gezeigt, 2024 konzentrieren wir uns auf 100 Filme. Wir sind ein Festival, das Stars liebt, das einen Teppich hat, das Glamour produzieren will. Das Kino kommt vom Jahrmarkt. Der Trubel gehört dazu, der Glanz, der Glamour. Das ist die erste Etappe des Begehrens, einen Film sehen zu wollen. Man will die Stars erleben, man will eine Zendaya sehen, einen Timothée Chalamet. Ich baue darauf, dass wir jeden Tag mindestens einen großen Namen in Zürich haben werden. 

Hat die Reduzierung der Filmanzahl Auswirkungen auf die Gesamtstruktur des Festivals?

Christian Jungen: Dementsprechend werden wir auch die Wettbewerbe bewusst reduzieren und mehr auf Qualität als auf Quantität setzen. Wir werden uns in Zukunft auf zwei Wettbewerbe konzentrieren. Bisher hatten wir Wettbewerbe für Spielfilme, für Dokumentarfilme und einen eigenen für Filme aus der DACH-Region – ein bisschen hatten das die Gründer des ZFF angelehnt an das Sundance Film Festival. Künftig treten nur noch Spielfilme und Dokumentarfilme jeweils in Wettstreit miteinander, die besten Filme aus dem deutschsprachigen Bereich sind stark genug, dass sie keine getrennte Wertschätzung in einer eigenen Sektion brauchen. Wir werden die besten Filme aus Deutschland, Österreich und der Schweiz neu im internationalen Wettbewerb zeigen. 

Zudem wird es, wie vor einigen Tagen bereits angekündigt, ein neues Festivalzentrum auf dem Sechseläutenplatz geben…

Christian Jungen: Wir wollen der Idee Rechnung tragen, die ich eingangs bereits angerissen habe: Mehr Nähe zu den Stars. Nicht nur wird das neue Zentrum moderner und ansprechender gestaltet sein. Wir werden Terrassen integrieren, die die Besucherinnen und Zuschauer ganz unmittelbar am Spektakel auf dem Teppich teilhaben lassen. Von oben kann man künftig einen ausgezeichneten Blick auf das Treiben haben. Wir möchten den Hype am Carpet wieder stärker stimulieren. In den letzten Jahren war er super für die Presse und die Kameras, die ganz nah dran sein konnten. Ich möchte künftig das Publikum wieder stärker involvieren, für mehr Begeisterung und Stimmung sorgen. Das macht ein Festival einzigartig und zum Erlebnis. Nach den Jahren mit Corona und selbst auferlegtem Abstandhalten will man jetzt wieder mittendrin sein. Dabei legen wir auch Wert auf Nachhaltigkeit, bauen das Zentrum in Modulen mit Holz aus der Schweiz, die sich dann auch wieder abbauen und neu verwenden lassen. 

„Die Menschen sollen das Festival ganz unmittelbar erleben können!“

Das Bad in der Menge feiert ein Comeback!

Christian Jungen: Vor 20 Jahren war das Autogramm in der Ökonomie des Prestiges die Nummer eins. Heute ist es längst abgelöst vom Selfie mit den Stars. Das wollen wir fördern. Die Menschen sollen das Festival ganz unmittelbar miterleben können! Man soll den Freunden auf Social Media zeigen können, wie nah man dran war. Ich bin fasziniert, wie sich A-Listen-Stars da Zeit nehmen und mit den Fans interagieren. Eine Jessica Chastain, ein Ethan Hawke oder ein Mads Mikkelsen haben sich im vergangenen Jahr engagiert. Spätestens da hat es Klick gemacht bei mir: Das sind Momente, die man ermöglichen muss, wenn das Kino auf Social Media nicht vom Sport abgehängt werden soll – Lionel Messi hat auf Instagram über 500 Millionen Follower, der grösste Hollywoodstar The Rock ‚nur“ 397. Ein Filmfestival ist eben nicht nur hohe Filmkunst, sondern auch Spektakel. Das wollen wir fördern. Was immer auch nötig ist, die Filme, die wir zeigen, ins Gespräch und damit ins Bewusstsein zu bringen, ist richtig und gut. Ich war selbst lange genug Filmkritiker, 25 Jahre immerhin, und es tut mir in der Seele weh mitzuerleben, wie die Bedeutung der Filmkritik gelitten hat. Sie war einmal ein wichtiger Motor, hat aber aktuell grosse Konkurrenz durch Social Media – ganz im Sinne von „Everyone’s a critic!“. Durch Mundpropaganda in die sozialen Medien lassen sich Filme zu Hits machen. Die Unterstützung der Filmkritik ist nicht mehr so stark wie früher.  

Aber die Filmkunst kommt bei Ihnen doch auch immer zum Zug?

Christian Jungen: Selbstverständlich. Es ist immer die Aufgabe eines Festivals, die Kunst und den Nachwuchs zu fördern. Aber es ist ein Spagat, den man hinbekommen muss. Ebenso wollen wir das Kino fördern als Ort, wo man gemeinsam Filme erlebt. Dafür braucht es die Stars, die großen Filme. Als Festival müssen wir ein Multiplikator sein und eine Plattform für die weiteren Multiplikatoren. Deshalb ist ein Teppich wichtig – der bei uns grün ist, seit 2010, als das Festival klimaneutral wurde. Die Druckwelle auf Social Media dank dieses Teppichs ist gewaltig. Das hilft den Filmen. Und es hilft dem Festival. 

Mit Juliette Binoche bei der Verleihung des Golden Icon Award 2020 (Credit: IMAGO / Future Image)

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Werden Sie die Identität des Zurich Film Festival durch die Änderungen noch stärker herausarbeiten können?

Christian Jungen: Unsere Identität steht auf zwei Standbeinen, beide habe ich bereits angerissen. Einerseits wollen wir den Nachwuchs fördern, erste, zweite und dritte Regiearbeiten in den Fokus rücken. Heute berühmte Namen wie Rian Johnson oder Cary Joji Fukunaga waren mit ihren ersten Filmen in Zürich. Wir haben immer junge Filmemacher aus Deutschland, Österreich und natürlich der Schweiz unterstützt. Die Nachwuchsförderung ist der Kern. Und dann geht es darum, ein Showcase für das Autorenkino zu sein, das ein breites Publikum ansprechen und abholen kann. Im Idealfall gelingt es uns, diese beiden Welten sur place in einen Austausch zu bringen. Wir ermöglichen Situationen und informelle Formate, in denen junge Filmemacher aus aller Herren Länder mit Entscheidern und Machern in Kontakt kommen können. Wir haben Formate, in denen Studierende von der Zürcher Hochschule der Künste, der ZHdK, in Masterclasses in einem intimen Rahmen von Leuten wie Christine Vachon und Todd Haynes lernen können – und sie auch von den Studierenden. Ich habe vor Jahren bei einem Schlüsselerlebnis mit Werner Herzog einmal gelernt, dass auch den Routiniers und Vollprofis nichts mehr am Herzen liegt als der Austausch mit der aufstrebenden Generation. 

Und Sie bieten den Rahmen dafür.

Christian Jungen: In Cannes ginge so etwas nicht. Oder in Venedig. Da herrscht Stress. Aber wir sind ein Boutique-Festival, das eben auch von den Möglichkeiten des Austauschs lebt. Es gibt den Raum, dass man sich begegnen kann. Da gibt es Geschichten, mit denen man bereits Bücher füllen könnte. Ich denke an „Moonfall“ von Roland Emmerich, der seinen Ausgang beim ZFF nahm bei einem Raclette-Essen von CAA. Das ist eine Mission, die wir durchaus wahrnehmen wollen. Wir haben das kalendarische Glück, die Amerikaner auf ihrem Herbst-Parcours genau an der richtigen Stelle abzuholen nach Venedig, Telluride, Toronto, New York. Dann kommen sie nach Zürich. Die großen Schlachten bei den anderen Festivals sind geschlagen, wir sind eine letzte Station, bei der man die Dinge dann auch einmal sacken lassen kann. Dann ist der Herbst geschafft. Es wird viel gefeiert, sozialisiert. Was es auch zu einem tollen Business-Event macht, weil man wieder offen ist für Neues. Alle relevanten Agenturen sind da und haben einen genauen Blick darauf, wer die Jungen in unserem Programm sind. Wir sind ein Nachwuchsförderfestival, ein Publikumsfestival. Und eine ausgezeichnete Kontaktbörse. 

„Mit Roger Crotti werden wir die Professionalisierung und Internationalisierung konsequent vorantreiben.“

Deutschland scheint Ihnen verstärkt am Herzen zu liegen – im vergangenen Jahr unter anderem mit den Weltpremieren von „Ein ganzes Leben“ und „Stella. Ein Leben“…

Christian Jungen: Das hat Tradition in Zürich. Wir hatten davor schon auch die Weltpremieren von großen Filmen wie „Contra“ oder „Der Nachname“. Deutschland ist natürlich neben den USA und der Schweiz ein besonders wichtiges Territorium für uns. Für den Schweizer Film sind wir mittlerweile das wichtigste Festival. Mit Ausnahme von „Bon Schuur Ticino“ hatten alle Die meisten Schweizer Kassenschlager ler letzten Jahre feierten bei uns Premiere. Das deutsche Kino war mir lange fremd, ich war kein großer Freund. Aber jetzt entdecke ich eine neue Vielfalt im deutschen Kino, eine große Qualität, spannende Projekte, von den Veteranen wie Wim Wenders oder Volker Schlöndorff bis hin zum Nachwuchs. Ich habe mir auf die Fahnen geschrieben, auch in Deutschland mehr unterwegs zu sein. Das ist nicht immer ganz einfach, weil Deutschland so dezentral ist. Will man die Engländer sehen, reicht ein Besuch in London, in Frankreich ist es Paris, in Italien Rom. Aber in Deutschland muss man nach Berlin, München, Hamburg, Köln und nach Frankfurt, wenn man die wichtigen Adressen besuchen will. Aber es lohnt sich: Die Filme sind toll. Und wir haben den Produzenten und Verleihern viel zu bieten, weil auch internationale Wahrnehmung gewährleistet ist.

Ist das ZFF gut aufgestellt für die Zukunft?

Christian Jungen: Es sieht gut aus. Mit Roger Crotti als neuem Präsidenten werden wir die Professionalisierung und Internationalisierung konsequent vorantreiben. Da verspreche ich mir sehr viel. Aber wir haben zu kämpfen wie alle anderen Festivals auch. Wobei man doch festhalten muss, dass in dieser Zeit nach Covid die Festivals ein wichtiger Motor geworden sind für das Kino. Das sollte auch honoriert werden. Ich denke, dass wir ein ausgezeichnetes Angebot machen. Was das in diesem Jahr zum 20. Jubiläum sein wird, kann ich Ihnen bald schon erzählen. 

Das Gespräch führten Barbara Schuster & Thomas Schultze